K1 – Sechster Abschnitt

Inhalt:
Lektion 17-20: Der Arbeitslohn

Lektion 17 – 20: Der Arbeitslohn
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, Sechster Abschnitt, S.557 – 588

Es geht Marx nun um die Verdrehungen, die bei der Verwandlung des Werts bzw. des Preises der Arbeitskraft in Arbeitslohn entstehen. „Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft“, so hebt Marx an, „erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit“(557)*), man spricht vom „Wert der Arbeit und nennt seinen Geldausdruck“, den Arbeitslohn, den „notwendigen oder natürlichen Preis“(ebda.) der Arbeit. Und wiederum, wie im 1. Kapitel des „Kapitals“, benutzt Marx wieder die Rede vom „Erscheinen“, die das Wesen einer Sache an der „Oberfläche“ mystifiziert. Wenn der Wert der Ware Arbeitskraft sich misst an der Verausgabung gesellschaftlicher Arbeit, so würde sich der Wert eines Arbeitstages von 12 Stunden bestimmen durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltenen 12 Arbeitsstunden, was für Marx „eine abgeschmackte Tautologie ist.“ (ebda.) Würde der Wert der Arbeit vom Kapitalisten bezahlt, gäbe es das Kapitalverhältnis nicht (siehe 558). Marx betont: Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist … nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. … Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören … Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.“(559) In der Rede vom Wert der Arbeit „ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck, wie etwa Wert der Erde.“ (ebda.) Eine solche Auffassung ist aber nicht als willkürlich zu verstehen, sondern notwendiger Ausdruck der „Produktionsverhältnisse selbst.“(ebda.)
Noch einmal: Nicht das Ergebnis eines Arbeitstages bezahlt der Kapitalist dem Arbeiter in Form des Arbeitslohnes, sondern die Produktionskosten der Lebensmittel, um die Arbeitskraft des Arbeiters zu erhalten. Und es war die Besonderheit der Ware Arbeitskraft, dass sie bei Anwendung mehr Wert schafft als zu ihrer Erhaltung notwendig ist. Der „Wert der Arbeit“ muss stets kleiner sein als das durch Arbeit geschaffene Wertprodukt. Dies ist das ganze Geheimnis der kapitalistischen Produktionsweise. (vgl. 560f) Der „Wert der Arbeit (ist) nur ein irrationeller Ausdruck für den Wert der Arbeitskraft“, „die in der Persönlichkeit des Arbeiters existiert“. Arbeit ist deren „Funktion“, „ebenso verschieden wie eine Maschine von ihren Operationen.“(561)
In der Form des Arbeitslohnes ist „jede Spur der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit“ erloschen und unkenntlich gemacht. „Auf dieser Erscheinungsform“, betont Marx, „die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.“(562)
Der Arbeiter glaubt, er bekommt seinen Lohn für eine bestimmte Arbeitsleistung, und der Kapitalist hat die Vorstellung, wenn er den Preis der Arbeitskraft drückt, wie bei jedem anderen Geschäft den Geschäftspartner prellt, unter Wert kauft und über Wert verkauft, so entsteht sein Profit. „Er kommt daher nicht zur Einsicht, daß, wenn so ein Ding wie Wert der Arbeit wirklich existiere, und er diesen Wert wirklich zahlte, kein Kapital existieren, sein Geld sich nicht in Kapital verwandeln würde.“(564)

Beim Arbeitslohn unterscheidet und untersucht Marx nun „zwei herrschende Grundformen“(565). Der Zeitlohn misst sich einfach als „Tageswert der Arbeitskraft/Arbeitstag von gegebner Stundenzahl“(571), in unserem Beispiel 10 Geldeinheiten bei einem zwölfstündigen Arbeitstag. Der Zeitlohn ist nach dem allseits verwendeten Stundenlohn aufgelöst. Weder Kapitalist noch Arbeiter kommt in den Sinn, dass nur sechs der zwölf Arbeitsstunden bezahlt werden, „daß auch der normale Preis der Arbeit ein bestimmtes Quantum unbezahlter Arbeit einschließt und ebendiese unbezahlte Arbeit die normale Quelle (des) Gewinns ist.“(572) Beim Stücklohn wird die Verkehrung noch durchschlagender und der Preis der Arbeit scheint „durch die Leistungsfähigkeit“(574) des Arbeiters unmittelbar selbst bestimmbar. Ein Ergebnis: „Den Stücklohn“ für eine bestimmte Arbeit gegeben, „ist es natürlich das persönliche Interesse des Arbeiters, seine Arbeitskraft möglichst intensiv anzuspannen, was dem Kapitalisten eine Erhöhung des Normalgrads der Intensität (der durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitskraft) erleichtert.“(577) Der Arbeiter selbst gewinnt ein Interesse an der Erhöhung der Ausbeutungsrate wie auch des Arbeitstages über bisher gültiges Maß hinaus. Der „Stücklohn (ist somit) die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des Arbeitslohns“.(580)

Auf dem Weltmarkt, der großen Bühne der kapitalistischen Produktionsweise, stehen sich die verschiedenen Nationalökonomien mit ihren jeweils verschiedenen durchschnittlichen nationalen Arbeitslöhnen gegenüber. Beim Vergleich dieser nationalen Arbeitslöhne „muß der Zeitlohn wieder in Stücklohn übersetzt werden, da nur der letztere ein Gradmesser sowohl für die Produktivität als die intensive Größe der Arbeit“(583)*) ist. Wir wissen bereits, dass in jedem Land eine gewisse mittlere Intensität der Arbeit sich herausbildet. Ist mehr als dieser Durchschnitt von Nöten, um ein Produkt herzustellen „und daher nicht als Arbeit von normaler Qualität zählt“, so ist diese Arbeit nicht wertbildend. Und umgekehrt wird ein über den nationalen Durchschnitt sich erhebender Intensitätsgrad zum Maß des Werts. „Anders auf dem Weltmarkt… Die mittlere Intensität der Arbeit wechselt von Land zu Land; sie ist hier größer, dort kleiner. Diese nationalen Durchschnitte bilden also eine Stufenleiter, deren Maßeinheit die Durchschnittseinheit der universellen Arbeit ist.“ Es gilt auf dem Weltmarkt: Die „intensivere nationale Arbeit (produziert) in gleicher Zeit mehr Wert, der sich in mehr Geld ausdrückt.“(584) Ferner gilt, dass „die produktivere nationale Arbeit ebenfalls als intensivere zählt, sooft die produktivere Nation nicht durch die Konkurrenz gezwungen wird, den Verkaufspreis ihrer Ware auf ihren Wert zu senken.“(ebda.) Je mehr ein Land entwickelt ist, desto höher Produktivität und Intensität und die daraus folgende Möglichkeit, mehr Wert auf dem Weltmarkt zu realisieren. Und für den Arbeitslohn gilt, er wird in der entwickelten Nation in Geld ausgedrückt höher sein als in der Nation mit weniger entwickelter kapitalistischen Produktionsweise.

(vgl. 584)

Frage zum Verständnis und zur Diskussion:
Warum ist der Ausdruck „Wert der Arbeit“ so grundlegend irreführend?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

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