K1 – Fünfter Abschnitt

Inhalt:
Lektion 14: „Produktive Arbeit“
Lektion 15: „Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert“
Lektion 16: Formeln für die Rate des Mehrwerts

Lektion 14: „Produktive Arbeit“
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 531 – 541

Im 14. Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ knüpft Marx an die „zunächst abstrakt betrachtete“(531)*) Arbeit und den Arbeitsprozess des 5. Kapitels des „Kapitals“ an und diskutiert nun die „reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“(533) im Arbeits- und Verwertungsprozesses. Er definiert zunächst, wie sich durch den „kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses“ sich der Begriff der produktiven Arbeit „erweitert“. „Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ(!) des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehn.“(531) Ist bei entwickelten Produktionsverhältnissen so der organische Gesamtarbeiter im kapitalistischen Produktionsprozess am wirken, so, fährt Marx fort, „verengt sich der Begriff der produktiven Arbeit“ im Kapitalverhältnis. Es gilt der Merksatz:
„Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.“ „Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher … ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandnes Produktionsverhältnis (ein), welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt.“(532) Um das Beispiel von Marx aufzugreifen, ist ein Lehrer als Bediensteter des Staates unproduktiv, derselbe „Schulmeister“ aber produktiv, wenn er bei einer an Verwertung orientierten Privatschule tätig ist und durch seine Arbeit Mehrwert geschaffen wird.

Voraussetzung der produktiven Arbeit, dies betont Marx noch einmal, ist ein „gewisser Produktivitätsgrad der Arbeit“, „überschüssige Zeit“(534), die der Arbeiter über die Produktion seines unmittelbaren Lebens hinaus für den Kapitalisten umsonst arbeiten kann. Dies ist nicht Folge einer „Gabe der Natur, sondern einer Geschichte, die Tausende von Jahrhunderten umfaßt.“

Diese natürlichen Voraussetzungen des Lebens- wie Arbeitsprozesses diskutiert nun Marx. „Je geringer die Zahl der absolut zu befriedigenden Naturbedürfnisse und je größer die natürliche Bodenfruchtbarkeit und Gunst des Klimas, desto geringer die zur Erhaltung und Reproduktion des Produzenten notwendige Arbeitszeit. Desto größer kann also der Überschuss seiner Arbeit für andere“(535) sein. Es waren die fruchtbaren Flussniederungen des Altertums, in denen erstmals viel frei verfügbare Arbeitskraft vorhanden war, um die kolossalen Bauwerke der Antike zu schaffen. Aber daraus folgt keineswegs, „daß der fruchtbarste Boden der geeignetste zum Wachstum der kapitalistischen Produktionsweise“ gewesen wäre. „Eine zu verschwenderische Natur“ hält den Menschen „an ihrer Hand wie ein Kind am Gängelband. Sie macht seine eigne Entwicklung nicht zu einer Naturnotwendigkeit(!). Nicht das tropische Klima mit seiner überwuchernden Vegetation, sondern die gemäßigte Zone ist das Mutterland des Kapitals.“

(536)

Frage zum Verständnis und zur Diskussion:
Welche Relevanz haben die Marxschen Ausführungen zur produktiven Arbeit und zur „Naturwendigkeit“ der Entstehung des Kapitalverhältnisses in „gemäßigten Zonen“ für eine Theorie des Klassenkampfes?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 15: „Größenwechsel von Preis der Arbeitskraft und Mehrwert“
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S.542 – 552

Marx fasst im 15. Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ noch einmal seine Untersuchung zum Wert der Arbeitskraft und die Bestimmungen zum Mehrwert zusammen. „Der Wert der Arbeitskraft ist bestimmt durch den Wert der gewohnheitsmäßig notwendigen Lebensmittel des Durchschnittsarbeiters.“ Diese Menge Lebensmittel wird für eine bestimmte Zeitepoche als konstant unterstellt, hingegen ist der Wert dieser Lebensmittel variabel. Ferner gilt auch hier die Annahme, „daß die Waren zu ihrem Wert verkauft werden“ und „daß der Preis der Arbeitskraft wohl gelegentlich über ihren Wert steigt, aber nie unter ihn sinkt.“ Dann gilt, „daß die relativen Größen von Preis der Arbeitskraft und von Mehrwert durch drei Umstände bedingt sind:
1.die Länge des Arbeitstags oder die extensive Größe der Arbeit;
2.die normale Intensität der Arbeit oder ihre intensive Größe…;
3.die Produktivkraft der Arbeit“. (542)*)

Als erstes wird nun die Produktivkraft variabel, Länge des Arbeitstages und Intensität der Arbeit konstant gesetzt. Drei Gesetze folgern sich daraus: „Erstens: Der Arbeitstag … stellt sich stets in demselben Wertprodukt dar, wie auch die Produktivität der Arbeit, mit ihr die Produktenmasse und daher der Preis der einzelnen Ware wechsle.“ „Zweitens: Wert der Arbeitskraft und Mehrwert wechseln in umgekehrter Richtung zueinander.“(543) „Drittens: Zu- oder Abnahme des Mehrwerts ist stets Folge und nie Grund der entsprechenden Ab- und Zunahme des Werts der Arbeitskraft.“(544)
Wird hingegen die Intensität der Arbeit als variabel angenommen, so gilt: „Wachsende Intensität der Arbeit unterstellt vermehrte Ausgabe von Arbeit in demselben Zeitraum. Der intensivere Arbeitstag verkörpert sich daher in mehr Produkten als der minder intensive von gleicher Stundenzahl.“(547) Das Wertprodukt steigt mit der Intensität der Arbeit. Verallgemeinert sich die Intensität der Arbeit zu einem neuen gesellschaftlichen Durchschnitt, so wirkt sie nicht mehr wertsteigernd. Aber: „Indes blieben selbst dann die durchschnittlichen Intensitätsgrade der Arbeit bei verschiedenen Nationen verschieden und modifizierten daher die Anwendung des Wertgesetzes auf unterschiedne Nationalarbeitstage. Der intensivere Arbeitstag der einen Nation stellt sich in höherem Geldausdruck dar als der minder intensive“(!)(548).
Setzen wir nun die Länge des Arbeitstages als variable Größe, so lässt eine Verkürzung des Arbeitstages den Wert der Arbeit unberührt, senkt aber die Mehrarbeit und damit den geschaffenen Mehrwert.(siehe 548) Wird der Arbeitstag hingen verlängert, „bleibt der Preis der Arbeitskraft unverändert, so wächst mit der absoluten die relative Größe des Mehrwerts.“(549)

Nun können auch zwei oder gar alle drei Faktoren variabel gesetzt werden. Extremfälle wären eine abnehmende Produktivkraft der Arbeit bei gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstages oder umgekehrt die „zunehmende Intensität und Produktivkraft der Arbeit mit gleichzeitiger Verkürzung des Arbeitstags“(551), welche die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise seit den Tagen von Marx bis heute kennzeichnet. Es gilt der Merksatz: „Je mehr die Produktivität der Arbeit wächst, um so mehr kann der Arbeitstag verkürzt werden, und je mehr der Arbeitstag verkürzt wird, desto mehr kann die Intensität der Arbeit wachsen. Gesellschaftlich betrachtet, wächst die Produktivität der Arbeit auch mit ihrer Ökonomie. Diese schließt nicht nur die Ökonomisierung der Produktionsmittel ein, sondern die Vermeidung aller nutzlosen Arbeit.“(552) Während einerseits die kapitalistische Produktionsweise die rationellste Produktionsform in jeder Branche bedingt, führt andererseits hingegen „ihr anarchisches System der Konkurrenz“ zur „maßlosesten Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte“(ebda.).
Marx umreißt die Zukunft jenseits der kapitalistischen Produktionsweise:
„Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt ist… Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstages ist … die Allgemeinheit der Arbeit.“ Im Kapitalismus dagegen wird die freie Zeit der einen, ausbeuterischen Klasse erreicht durch die „Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.“

(552)

Frage zum Verständnis und zur Diskussion:
Marx führt hier stillscheigend den „Nationalarbeitstag“ ein. Ist unter den Bedingungen der Globalisierung diese Annahme weiterhin gültig und ist nicht heute eher von einem international gleichbestimmten Arbeitstag auszugehen?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 16: Formeln für die Rate des Mehrwerts
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S.553 – 556

Marx stellt zum Abschluss seiner Untersuchung über den absoluten und relativen Mehrwert im 16. Kapitel des ersten Bandes des „Kapitals“ seine Formeln zu der Rate des Mehrwerts dar.

I. Mehrwert/variables Kapital = Mehrwert/Wert der Arbeitskraft = Mehrarbeit/notwendige Arbeit

oder mit den Zahlen unseres Beispiels:

10/10 = 10/10 = 6/6(Stunden) = 100 Prozent

II.Mehrarbeit/Arbeitstag = Mehrwert/Produktenwert = Mehrprodukt/Gesamtprodukt

oder nach unserem Beispiel:

6/12Std. = 10/20 = 10/20 (der konstante Teil des Produktenwerts wird ausgeklammert) (siehe 553)*)

Kann nach der zweiten Formel die Mehrarbeit und damit die Ausbeutungsrate höchsten gegen 100 Prozent gehen, so kann nach I. die Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit ins Verhältnis gesetzt mehr als 100 Prozent betragen, z.B. nach einer drastischen Steigerung der Produktivkraft und des relativen Mehrwerts 10/2Stunden oder 500 Prozent.

In einer dritten Formel gibt Marx in einem „populären Ausdruck“(556) die Rate des Mehrwerts so an:

III.Mehrwert/Wert der Arbeitskraft = Mehrarbeit/notwendige Arbeit =unbezahlte Arbeit/bezahlte Arbeit

Da „in der Periode der Mehrarbeit … die Nutznießung der Arbeitskraft Wert für den Kapitalisten (bildet), ohne ihm einen Wertersatz zu kosten“, kann „in diesem Sinn die Mehrarbeit unbezahlte Arbeit heißen.“ (ebda.)

Marx bekräftigt zum Abschluss dieses Untersuchungsabschnittes:
„Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit … Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert, in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins, Rente usw. er sich später kristallisiere (siehe Dritten Band des „Kapitals“), ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit.“ Und es gilt der Merksatz:
„Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit.“ (ebda.)

Frage zum Verständnis und zur Diskussion:
Warum liefert die Formel Mehrarbeit/Arbeitstag möglicherweise ein „falsches“ Ergebis der Ausbeutungs- oder Mehrwertrate?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

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