K1 – Erster Abschnitt

Inhalt:
Lektion 01a: Ware und Arbeit
Lektion 01b: Die Wertform oder der Tauschwert
Lektion 01c: Der „Fetischcharakter“ der Ware
Lektion 02: Der Austauschprozess
Lektion 03a: Das Geld als Maß der Werte
Lektion 03b: Das Geld als Zirkulationsmittel
Lektion 03c: Das Geld als “hartes” Geld

Lektion 01a: Ware und Arbeit
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 49 – 61

Marx beginnt seine Untersuchung wie ein Naturforscher bei der „ökonomischen Zellenform“ der bürgerlichen Gesellschaft, der „Warenform des Arbeitsprodukts“(12)*, der einzelnen Ware also, die von ihm als „Elementarform“ des gesellschaftlichen Reichtums gesehen wird.
Am ersten Satz seiner Darlegung zum „Kapital“ kann man bereits lernen, dass man ihn sehr genau lesen muss. Er schreibt nämlich, „der Reichtum der Gesellschaften … erscheint als >ungeheure Warensammlung<, die einzelne Ware als seine Elementarform.“(49) Er abstrahiert nicht nur von den vielfältigen bunten mannigfaltigen Erscheinungen der Warenwelt, um unseren Blick auf die durch Abstraktion gewonnene „Elementarform“ Ware zu lenken, mit dem unscheinbaren Wörtchen „erscheint“ will er uns warnen, dass bei Entfaltung seiner Untersuchung zum „Kapital“ wir genaueres erfahren werden, was den „Reichtum der Gesellschaften“ ausmacht, „in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht“(49). Und um die Untersuchung der „kapitalistischen Produktionsweise“ als der ökonomischen Basis(**) der bürgerlichen Gesellschaft geht es im „Kapital“, um nicht mehr und nicht weniger.Aber kehren wir zur Ware zurück und betrachten ihre Bestimmungen. Die Ware ist „zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding“, welche die Fähigkeit hat, auf irgendeine spezifische Weise ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen, nützlich zu sein, wobei es völlig nebensächlich ist, wie dieses Bedürfnis befriedigt wird, unmittelbar in der Konsumtion oder mittelbar als Produktionsmittel. Auch völlig gleichgültig ist es, ob das Bedürfnis dem „Magen oder der Phantasie“(49) entsprungen ist. Der dingliche Charakter der Waren, dies sollten wir kritisch anmerken, wird als erste Bestimmung der Ware genannt, während in unserer heutigen „Warensammlung“ zunehmend nichtdingliche Waren nach allgemeiner Auffassung an Bedeutung gewinnen, von Versicherungs- und Finanz- bis hin zu Softwareprodukten.Als zweite Bestimmung betont Marx, dass die Ware und ihr „Nutzen für den Menschen … durch Arbeit vermittelt“ sein muss. Nicht jeder Nutzen oder jedes Mittel zur Bedürfnisbefriedigung wird deshalb gleich zur Ware. Marx verweist als Beispiele auf „Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz“. Als dritte Bestimmung der Ware nach Nutzen und Arbeitsprodukt betont Marx, „ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein“, wenn es zur eigenen Bedürfnisbefriedigung dient und es wird zur Ware nur dann, wenn „das Produkt dem andern … durch den Austausch übertragen“(55) wird. Arbeit für sich selbst und nicht für andere schafft keine Waren, nur die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse durch den Austausch führt zur Warenproduktion.
Andererseits bildet Arbeit für andere dann keine Ware, wenn die Arbeit „nutzlos“ ist und nicht zu einem sinnvollen „Gebrauchsgegenstand“(55) führt.

„Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.“ Dieser Gebrauchswert, die qualitativ verschiedene Seite der Waren, ihre spezifische Eigenschaft, ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, interessiert Marx nur begrenzt. Er will ja keine Warenkunde verfassen und betont nur, dass die Entdeckung der Nützlichkeit von Dingen „geschichtliche Tat“ sein. Der Gebrauchswert einer bestimmten Ware wird uns aber noch wesentlich beschäftigen, dies nur vorweg.
Vorerst interessiert ihn nur, dass in der von ihm „betrachteten Gesellschaftsform“, der bürgerlich-kapitalistischen nämlich, die Gebrauchswerte zugleich die „stofflichen Träger des Tauschwerts“(50) und damit der quantitativen Seite der Waren sind. Waren, haben wir bereits gelernt, werden zu Waren, wenn Güter getauscht werden, und dieses notwendige Austauschverhältnis im gesellschaftlichen Akt des Warenkaufs und –verkaufs wird uns beschäftigen. Warum, fragt Marx, tauscht sich ein bestimmtes Quantum einer Ware gegen ein bestimmtes Quantum einer anderen Ware, warum ist A gleich B wert?
Ware A und B, so ungleich sie auch sein mögen, schlussfolgert Marx, müssen etwas gemeinsam enthalten und dieses gemeinsame „kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Ware sein.“(51) Von ihren Gebrauchswerten, ihren körperlichen Eigenschaften, muss ja im Austauschverhältnis gerade abstrahiert werden, und wenn man dies tut, so haben die Waren „nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.“

Wird von den konkreten Gebrauchswerten der Waren abstrahiert wird, so auch vom „nützlichen Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten“, von den „konkreten Formen dieser Arbeiten“. Gleich welche Arbeit, sie „sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.“ Die „gemeinschaftliche gesellschaftliche Substanz“ der Arbeit bildet das Gemeinsame der Waren, ihre „Werte – Warenwerte“.(52) „Das Gemeinsame“, was den Tausch ermöglicht, „was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert“ und wertbildend ist die abstrakte gesellschaftliche Arbeit.
Um als Ware A gegen Ware B zu tauschen, um gleichen Wert zu haben, muss dasselbe Quantum Arbeit in ihnen „vergegenständlicht oder materialisiert“ sein. „Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit …“, gleichwertiger Teil der „gesamten Arbeitskraft der Gesellschaft“ und nur die „Durchschnitts-Arbeitskraft“ geht mit der „gesellschaftlich notwendige(n) Arbeitszeit“(53) in die Wertbildung und in die Wertgröße ein.

Der Merksatz lautet: „Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit. Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“(54) Die notwendige Arbeitszeit ändert sich entsprechend der „Produktivkraft der Arbeit“(54). Es gilt: „Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, … desto kleiner sein Wert“(55) und selbstverständlich auch umgekehrt.

Wir haben die Substanz des Werts und sein Größenmaß bis jetzt kennen gelernt. Nun hat auch die Arbeit (wie all die Waren durch sie) einen Doppelcharakter. „Diese zwiespältige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist … der Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“. Die verschiedenen nützlichen Tätigkeiten, die „eine gesellschaftliche Teilung der Arbeit“ bilden, sind „Existenzbedingung der Warenproduktion“(56), aber nicht jede Arbeitsteilung führt notwendigerweise, betont Marx, zur Warenproduktion. Der Merksatz lautet:
„Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.“ Damit präzisiert Marx die Austauschbestimmung der Ware und führt den Begriff der „Privatarbeit“ ein, „d.h. in einer Gesellschaft von Warenproduzenten entwickelt sich dieser qualitative Unterschied der nützlichen Arbeiten, welche unabhängig voneinander als Privatgeschäfte selbständiger Produzenten betrieben werden, zu einem vielgliedrigen System (der) gesellschaftlichen Teilung der Arbeit.“
Diese nützlichen gesellschaftlich aufgeteilten Arbeiten ist allen „Gesellschaftsformen“ „unabhängige Existenzbedingung“, „ewige Naturnotwendigkeit“, die den „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“ und damit das „menschliche Leben“(57) überhaupt ermöglicht.

Hier, bei der Arbeit, ist für Marx die Gebrauchswertseite ganz und gar nicht nebensächlich. Und, was oft vergessen wird, Marx betont, dass der Mensch in seiner Arbeit nur wie die Natur verfahren kann und dabei von „Naturkräften“ beständig unterstützt wird. Arbeit ist „also nicht“, wie oft fälschlich argumentiert wird, „die einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte“(58) oder des stofflichen Reichtums der Gesellschaft.

Wenn man vom nützlichen Charakter der Arbeit absieht, nur ihre quantitativ wertbildende Eigenschaft betrachtet, bleibt die „produktive Verausgabung von menschlichen Hirn, Muskel, Nerv …“, von menschlicher Arbeit überhaupt(59). Diese abstrakte Verausgabung verschiedener Arbeitsarten, die „einfache Durchschnittsarbeit“ wechselt von Gesellschaft zu Gesellschaft, ändert sich in den Zeitepochen, ihr Wert setzt komplizierte Arbeit der einfachen Arbeit gleich. Diese Reduktion geschieht „hinter den Rücken der Produzenten“ „durch einen gesellschaftlichen Prozess“, ohne den der Austausch der verschiedenen in verschiedenen Waren materialisierten Arbeiten nicht möglich wäre. (siehe 59) Die Wertgröße einer Ware richtet sich so nach der zeitlichen Verausgabung der auf durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit reduzierten konkreten Tätigkeit.(siehe 60)
Da die Produktivkraft der nützlichen, konkreten Arbeit angehört, tangiert sie die Wertgröße nicht. „Dieselbe Arbeit ergibt daher in denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße, wie immer die Produktivkraft wechsle.“ Steigt die Produktivkraft, verteilt sich der Wert einer Arbeitszeiteinheit auf mehr Produkte und umgekehrt. Die Überlegungen zur Produktivkraft werden uns im Verlauf des Kurses noch öfter beschäftigen.

Zusammenfassend lässt sich über den Doppelcharakter der Arbeit sagen, dass sie im „physiologischen Sinne“ als Verausgabung „abstrakter (gleicher menschlicher) Arbeit“ den „Warenwert“ und in zweckbestimmter nützlicher Form die „Gebrauchswerte“ der Waren produziert.(61)

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Ein Diamant ist doch deshalb so wertvoll, weil er so selten ist. Was eine Ware kostet, hängt doch von ihrem Knappheitsgrad ab?
2) Arbeit, speziell Frauenarbeit, in der Familie hat doch auch einen Gebrauchswert, wenngleich sie nicht für den Markt erfolgt. Warum dann keinen Wert?
3) Bedingt die Produktivkraft nicht doch die Wertgröße? Mit besseren Maschinen kann ich doch in derselben Zeit mehr Waren herstellen und höheren Wert erlösen?
4) Ist der Tauschwert Eigenschaft einer einzelnen Ware?
5) Warum muss im Austauschverhältnis von deren Gebrauchswerten abstrahiert werden?
6) Wie wird der Wert einer Ware bestimmt/gemessen?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23
**) vgl. die Ausführungen von Karl Marx im Vorwort „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“

Lektion 01b: Die Wertform oder der Tauschwert
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 62-85

Wir haben in der ersten Lektion die Bestimmungen der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert kenngelernt, genauer was den gemeinsamen Wert der Warenwelt ausmacht. Die zum gesellschaftlichen Austausch bestimmten Produkte der verschiedenen Privatarbeiten „erscheinen daher nur als Waren oder besitzen nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“(62*) Insofern war ihre Bestimmung als Tauschwert „falsch. Die Ware ist Gebrauchswert … und Wert“. Im Austauschverhältnis der Waren erhält der Wert die „Erscheinungsform … des Tauschwerts“. (75)
Was nun diese Wertform ist, weiß ein jeder, der die Preisschilder der Waren studiert, die „Geldform“. Marx führt uns nun in die „Genesis dieser Geldform“(62) ein.Ware A wird im Austausch mit Ware B gleichgesetzt, d.h. die Ware A drückt ihren Wert in der Ware B aus. A „ist als relativer Wert dargestellt oder sie befindet sich in relativer Wertform“, B hingegen fungiert als „Äquivalent“ von A „oder befindet sich in Äquivalentform“.(63) Eine Ware kann nicht gleichzeitig Wert- und Äquivalentform sein, es „hängt ausschließlich ab von ihrer jedesmaligen Stellung im Wertausdruck, d.h. davon, ob sie die Ware ist, deren Wert, oder aber die Ware, worin Wert ausgedrückt wird.“(64)
Noch interessiert uns nur die qualitative Seite dieses Ausdrucks, dass A überhaupt gleich B gesetzt werden kann. Der Merksatz lautet:
„Nur der Äquivalentausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein, indem er die in den verschiedenen Waren steckenden, verschiedenartigen Arbeiten tatsächlich auf ihr Gemeinsames reduziert, auf menschliche Arbeit überhaupt.“(65) Nur so kann der Wert von A seinen relativen Wertausdruck in seinem Äquivalent der Ware B finden, da im Austausch die beiden Waren unabhängig von ihren Gebrauchswerten oder ihrer spezifischen Nützlichkeit auf ihr Gemeinsames, die wertbildende Arbeit, reduziert sind.Nun tauscht sich ja A nicht gleich B, sondern der relativen Wertausdruck bedingt ein bestimmtes Wertgößenverhältnis und so wird im konkreten Austausch 20 Einheiten A gegen 1 Einheit B getauscht oder findet 20A sein Äquivalent in 1B. Ändert sich die benötigte Arbeitszeit zur Herstellung einer Ware, so ihr Austauschverhältnis. Verdoppelt sich die zur Herstellung von 20A benötigte Arbeitszeit, so sind diese 20A nun 2B wert, verdoppelt sich die benötigte Arbeitszeit von B, so stellen sich 20A nur mehr in 0,5B dar. Ändert sich gleichzeitig in gleichem Umfang die benötigten Arbeitszeiten von A und B, bleibt der Wertausdruck 20A=1B unverändert, gleich ob die Arbeitszeit steigt oder fällt.
Der komplizierte Merksatz lautet: „Der relative Wert einer Ware kann wechseln, obgleich ihr Wert konstant bleibt. Ihr relativer Wert kann konstant bleiben, obgleich ihr Wert wechselt, und endlich brauchen gleichzeitige Wechsel in ihrer Wertgröße und im relativen Ausdruck dieser Wertgröße sich keineswegs zu decken.“(69)

Nach dieser komplexen Darstellung der relativen Wertform untersucht Marx nun genauer den Äquivalentausdruck, worin sich also x der Ware A ausdrückt und stellt als „erste Eigentümlichkeit … der Äquivalentform“ fest: „Gebrauchswert (der Ware B) wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“ (von A)(70). Oder anders ausgedrückt: Die „konkrete Arbeit (von B) wird also zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit.“(72) Denn diese Ware B, gehen wir einen logischen Schritt weiter, kann nicht nur das Äquivalent von A, sondern von jeder beliebigen Ware sein. In der „allgemeinen Wertform“ stellen alle Waren ihren Wert „einfach dar, weil in einer einzigen Ware“ und zugleich „einheitlich, weil in derselben Ware.“(79) Als allgemeines Äquivalent wird die „eigne Naturalform“ der Ware B zur „gemeinsame(n) Wertgestalt“, und „daher mit allen andren Waren unmittelbar austauschbar. Ihre Körperform gilt als die sichtbare Inkarnation, die allgemeine, gesellschaftliche Verpuppung aller menschlichen Arbeit.“(81)
Nun ist die „allgemeine Äquivalentform“ „eine Form des Werts überhaupt“ und somit könnte jede x-beliebige Ware zur allgemeinen Äquivalentform der bunten Warenwelt werden. „Die spezifische Warenart, mit deren Naturalform die Äquivalentform gesellschaftlich verwächst, wird zur Geldware oder funktioniert als Geld.“ Es wird ihr „Monopol, innerhalb der Warenwelt die Rolle des allgemeinen Äquivalents zu spielen.“(83) Nun, was war zur Zeit von Marx und bis weit in unsere Zeit diese Geldware, dieses allgemeine Tauschäquivalent, in welchem alle anderen Waren ihre relative Wertform darstellten?

Das Gold.

Eine spezifische Ware wurde im historischen Verlauf unabhängig von ihren sonstigen Gebrauchswerten (Schmuck!) durch gesellschaftlichen Willensakt ausgesondert, um alle anderen Waren in ihrer Naturalform den Wert an sich wiederzuspiegeln, Inkarnation aller gesellschaftlichen Arbeiten überhaupt. Waren lassen sich so mühelos tauschen, weil sie in dieser gemeinsamen Geldware sich so mühelos qualitativ und quantitativ ausdrücken lassen. Und Marx betont, dass bereits in „der einfachen Warenform“ „der Keim der Geldform“(85) angelegt und zu untersuchen ist. Alle Mystik, die Gold = Geld umgibt, verschwindet, wenn uns bewusst ist, dass es nur Ausdruck der gleichen, abstrakt menschlichen Arbeit ist.

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Heutzutage ist Gold doch nicht mehr diese „Geldware“ und Geld nur mehr wertloses Papiergeld oder Zahlen im Computer der Bank. Ist so diese Marxsche Herleitung des Geldes nicht längst überholt?
2) Wenn z.B. sich 20 Einheiten der Ware A in einer Unze Gold sich ausdrücken, eine Unze Gold wert sind, so ist dies doch nur gesellschaftliche Übereinkunft und hat doch nichts damit zu tun, dass die Arbeit, die in A steckt, so hoch ist wie die Arbeit, die zur Gewinnung von einer Unze Gold benötigt wird. Der Preis bildet sich doch durch Angebot und Nachfrage für die Ware A wie für das Gold B und wechselt willkürlich von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit und ist selbst zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten oder Märkten unterschiedlich hoch!
3) Wieso bringt erst das Wertverhältnis zweier Waren den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 01c: Der „Fetischcharakter“ der Ware
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 85-98

Findet das Rätsel der Geldform bereits seine Auflösung in der Wertform der Ware, so ist diese selbst „ein sehr vertracktes Ding, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken.“ Tritt ein Produkt als Ware auf den Markt, verwandelt sie sich „in ein sinnlich übersinnliches Ding.“(85)* Der „rätselhafte Charakter“ der als Waren gehandelten Arbeitsprodukte entspringt nicht aus der Arbeit oder aus der benötigten Arbeitszeit, hieran ist nichts mystisches, sondern aus der Warenform selbst. Der Marxsche Kernsatz lautet:
„Das Geheimnisvolle der Warenform besteht … einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als … gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt“. „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“(86)
Wie wir gelernt haben, sind die Waren Produkte „voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten“, deren gesellschaftlicher Charakter erst im Warentausch zum Vorschein kommt.(87) Erst im Austausch setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten „einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ Erst das Wertverhältnis verwandelt die Arbeitsprodukte „in eine gesellschaftliche Hieroglyhe“.(88) Da im Austausch sich auch erst die Wertgröße ihrer Arbeiten herausstellt und diese beständig „unabhängig vom Willen, Vorwissen und Tun der Austauschenden“ wechselt, zu einem „Geheimnis“ wird, nimmt der gesellschaftliche Prozess für die Warenproduzenten „die Form einer Bewegung von Sachen (an), unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“(89)
Was hier abstrakt formuliert ist, wird schlagend beweiskräftig in jeder Stockung des Warenabsatzes, in jeder Krise der Warenproduktion. Ohne bewusstes Tun und gegen ihren Willen kann die Privatarbeit der Warenproduzenten über Nacht wertlos werden.Marx greift zum Vergleich auf die Religionen zurück, um das Ausmaß der Entfremdung und Verdinglichung zu verdeutlichen, wo „die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten“(86) annehmen. Und genauso geschieht es in der Warenwelt mit den Produkten der menschlichen Arbeit. Der „Fetischismus“(87) der Waren wird zu einer „objektiven Gedankenform“(90) der Warenproduzenten. Kurz gesagt, man schreibt Dingen(den Waren) Fähigkeiten zu, die in Wirklichkeit dem produktiven Tun der Menschen in der Gesellschaft zukommt.
Auf den Seiten 90ff zeigt Marx, dass solche Verkehrung spezifisch der warenproduzierenden Gesellschaft zukommt und im Vorgriff auf Max Weber, dem Begründer der modernen Soziologie, kommt er zur Schlussfolgerung, das für „eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, … ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, das „Christentum“ und speziell der „Protestantismus“ die „entsprechendste Religionsform“ ist(93). Der Fetisch der Warenwelt wie der der Religion, so Marx, kann „überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werktagsleben der Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen.“(94)Im Kapitel über den „Warenfetisch“ gibt uns Marx erste Einblicke in die ideologischen Formen wie Verdinglichung, Entfremdung, Verkehrung, die aus der Basis der Gesellschaft, dem Produktionsprozess entspringen und nur durch eine bewusste Gestaltung dieses Produktionsprozesses überwunden werden können. Marx warnt davor, den Fetisch der Warenform als der „allgemeinste(n) und unentwickelste(n) Form der bürgerlichen Produktion“ (97) als leicht durchschaubar im Vergleich zum Geld- oder Kapitalfetisch, die wir noch kennen lernen werden, zu halten. Die „theologischen Mucken“(85) der Warenform, dies sei noch angemerkt, sind heute angesichts der bunten Warenwelt der Markenprodukte mit ihren Zuschreibungen von sinnlichen Attributen bestimmt nicht leichter zu durchschauen als zu Marxens Zeiten.

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Was soll an einem Pfund Zucker oder Mehl „übersinnlich“ sein?
2) Wie begründet Marx den Fetischcharakter der Waren?
3) Warum ist der Vergleich „abstrakter Arbeit“ im Austausch der Waren nach Marx kompatibel zu Vorstellungen des Menschen speziell zum Christentums und dem Protestantismus?

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 02: Der Austauschprozess
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 99-108

Nachdem wir die Bestimmungen der Ware an sich nachgezeichnet haben, überrascht uns Marx im zweiten Kapitel mit einem Perspektivwechsel und stellt lakonisch fest, dass die „Waren nicht selbst zu Markte gehen“ und dafür den „Warenbesitzer“ brauchen. Die „Warenhüter“ sind gezwungen, damit der Austausch klappt, sich „wechselseitig als Privateigentümer an(zu)erkennen“ und damit ein „Rechtsverhältnis“ einzugehen, „worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt.“ *(99) Wir lernen also hier die fundamentale Begründung für den juristischen Überbau in der bürgerlichen Gesellschaft, der, man achte auf die neue Kategorie, eine „Widerspiegelung“ des ökonomischen Unterbaus der Gesellschaft ist. Je mehr sich Warenbeziehungen entfalten, desto umfassender die Ausformung des juristischen Überbaus und die Rechtsförmigkeit der Verhältnisse. En passant liefert uns Marx eine wesentliche Begründung einer Theorie des (bürgerlichen) Rechts.Die Waren“hüter“ handeln füreinander als „Repräsentanten“ ihres Warenangebots und kommen für Marx nur in Betracht als „ökonomische Charaktermasken“, „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“. Der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft handelt nicht frei, sondern ist im ökonomischen Verkehr Sklave des Warenverhältnisses! Sein Interesse ist die Veräußerung der Waren, die für ihn selbst keinen Gebrauchswert darstellen und der Kauf von Waren, deren Gebrauchswert er benötigt. Bevor „die Gebrauchswerte realisiert“ werden können, muss sich im Austausch erst ihr „Wert realisieren“(100). Für den einzelnen Warenbesitzer ist der Warenaustausch ein „individueller Prozess“ zur Bedürfnisbefriedigung. Andererseits will er „seine Ware als Wert realisieren“ in jeder beliebigen anderen Ware und durch „gesellschaftliche Aktion“ muss eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent bestimmt werden; das Geld tritt auf die Bühne.
Dies geschieht in einem historischen Prozess („Im Anfang war die Tat“)(101), wobei der sich entwickelnde Austausch zwischen verschiedenen „Gemeinwesen“ auf die Entfaltung der Warenproduktion selbst in diesen Gemeinwesen zurück wirkt (vgl. 102f), so dass „im Laufe der Zeit … wenigstens ein Teil der Arbeitsprodukte absichtlich zum Behuf des Austausches produziert werden.“(103) Je entwickelter die Austauschbeziehungen, desto größer die Notwendigkeit nach der besonderen Waren, in der sich alle Werte beliebiger Waren darstellen lassen. Durch die „Funktion des Geldes, als Erscheinungsform des Warenwerts zu dienen oder als das Material, worin die Wertgrößen der Waren sich gesellschaftlich ausdrücken“, muss „die Geldware“ zu „rein quantitativer Unterschiede fähig, also nach Willkür teilbar … sein“(104). Auf Grund dieser natürlichen Fähigkeit waren Gold und Silber für diese Aufgabe prädestiniert.Die „Magie des Geldes“(107) hat seine Ursache in einer „Verwechslung“: „Der Austauschprozess gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern (nur) ihre spezifische Wertform.“ Der Wert bestimmt sich wie bei jeder anderen Ware durch die zu ihrer Produktion benötigten durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit. „Die Verwechslung beider Bestimmungen“, von Wert und Wertform, „verleitete dazu, den Wert von Gold und Silber für imaginär zu halten“, Geld für „ein bloßes Zeichen“ zu halten, um so mehr, als dass Geld tatsächlich „in bestimmten Funktionen durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann“.(105)
Wir, die wir nur mehr von „Geldzeichen“ umgeben sind, sind von der „Magie des Geldes“ erst recht geblendet. Und es ist doch schon verwirrend genug, die Materialien Gold und Silber für „die unmittelbare Inkarnation aller menschlichen Arbeit“(107) zu setzen.
Die Marxsche Zusammenfassung des bisher Entwickelten lautet: Die „Magie des Geldes“(107) hat seinen Ursprung im „atomistische(n) Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozess“, da sie sich nur als „Privateigentümer“(99) ihrer in den Waren vergegenständlichten „Privatarbeiten“ gegenübertreten „und daher die von ihrer Kontrolle und ihrem bewussten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eigenen Produktionsverhältnisse“ „die Warenform annehmen“ muss. Der „falsche Schein“ ist vollendet, „sobald die allgemeine Äquivalentform mit der Naturalform verwachsen oder zur Geldform kristallisiert ist.“(107)
Somit ist das „Rätsel des Geldfetischs … nur das sichtbar gewordne, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs“(108), den wir ja in der letzten Lektion kennen lernten. Hat mensch den Warenfetisch entschlüsselt, fällt man auf die „Magie des Geldes“ und den Geldfetisch nicht mehr herein!

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Kann man davon ausgehen, dass die Rechtsförmigkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen an der Entwicklung der Warenbeziehungen in einer Gesellschaft hängt und somit diesen Mangel in der Gesellschaft der DDR z.B. erklärt?
2) Wodurch wird die Kategorie der „Widerspiegelung“ zu einer Zentralkategorie der Marxschen Philosophie?
3) Können die Begrifflichkeiten „Charaktermaske“ und „Personifikation“ sinnvoll in anderen Humanwissenschaften Verwendung finden und wenn ja, warum?
4) Auf Grund welcher natürlichen Eigenschaft sind Edelmetalle prädestiniert als Geldwaren?
5) Wodurch wird der „Wert“ und die „Wertform“ des Geldes bestimmt und warum kommt es zu einer Verwechslung beider Bestimmungen?
6) Was ist „die Inkarnation aller menschlichen Arbeit“?
7) Wie stehen „Warenfetisch“ und „Geldfetisch“ zueinander und welcher von beiden liefert den Ansatz zur Entschlüsselung?

* alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 03a: Das Geld als Maß der Werte
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 109 – 118

Wir wissen bereits, dass das Geld (oder Gold) „der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks“ liefert und die „Warenwerte als gleichnamige Größen, qualitativ gleiche und quantitativ vergleichbare“ darstellt. Als „allgemeines Maß der Werte“, als „spezifische Äquivalentware“ wird das Geld zur „notwendigen Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Ware, der Arbeitszeit.“*(109)
Dieser Wertausdruck beliebiger Waren ist ihre „Geldform oder ihr Preis“. Nur die Geldware selbst „hat dagegen keinen Preis“, denn sonst müsste sie sich „auf sich selbst als sein eignes Äquivalent“ beziehen. „Der Preis oder die Geldform der Waren“ ist, dies betont Marx, nur eine „ideelle oder vorgestellte Form“(110) und kann deshalb in seiner Funktion als Wertmaß durch „nur vorgestelltes oder ideelles Gold“(111) ersetzt werden.
Der Merksatz lautet: „Als Maß der Werte und als Maßstab der Preise verrichtet das Geld zwei ganz verschiedene Funktionen. Maß der Werte ist es als die gesellschaftliche Inkarnation der menschlichen Arbeit, Maßstab der Preise als ein festgesetztes Metallgewicht.“(113)
Durch Übereinkunft wird ein bestimmte Goldgewicht zum Preis x, z.B. 1 Unze Gold gleich 1 Pfund Sterling oder 100 Mark. Somit kommt Marx zum Schuss: „Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit.“ Hängt so die Wertgröße von der gesellschaftlichen Arbeitszeit ab, so „erscheint dies notwendige Verhältnis als Austauschverhältnis einer Ware mit der außer ihr existierenden Geldware.“ Dadurch bedingt besteht „die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße“ oder, anders ausgedrückt, durch die Preisform kann der Preis einer Ware von der Wertgröße abweichen.
Durch dieses prinzipielle mögliche Auseinanderfallen von Preis und Wert kann der Preis überhaupt aufhören, Wertausdruck zu sein, und „Dinge, die an und für sich keine Waren sind, z.B. Gewissen, Ehre usw., können ihren Besitzern für Geld feil sein und so durch ihren Preis die Warenform erhalten. Wir merken uns: „Ein Ding kann daher formell einen Preis haben, ohne einen Wert zu haben.“(117)Allgemein gilt:
„Die Preisform schließt die Veräußerlichkeit der Waren gegen Geld und die Notwendigkeit dieser Veräußerung ein.“ Gleichgültig, was da auf den Markt zum Austausch kommt. „Andrerseits funktioniert Gold nur als ideelles Wertmaß, weil es sich bereits im Austauschprozess als Geldware umtreibt.“ Ohne dieses „harte Geld“(118), die allgemeine Äquivalentware Gold, könnte das Geld seine Funktion als ideelles Maß der Werte, der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, nicht erfüllen.

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Warum muss in einer warenproduzierenden Gesellschaft das Geld als Mittler des Austauschprozesses auftreten?
2) Warum kann das Wertmaß Geld vom immanenten Wert abweichen?
3) Wodurch kann der Preis oder die Geldform der Waren als Wertmaß vom reellen Geld absehen?
4) Warum hat Geld selbst keinen Preis?

* alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 03b: Das Geld als Zirkulationsmittel
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 118 – 143

Marx betont einleitend, dass die Entwicklung hin zum Geld die Widersprüche des Warenaustausches zwar nicht „aufhebt“, aber diesen eine „Form“ gibt, „worin sie sich bewegen können.“ „Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen.“*(118) Marx sagt uns damit, dass seine Darstellung und Analyse der Geldform als Exempel der materialistischen Dialektik studiert werden kann. Und nur diesen „Formwechsel oder die Metamorphose der Waren“ in der „Sphäre des Warenaustauschs“ gilt es zu betrachten. Die „Verdopplung der Ware in Ware und Geld, einen äußeren Gegensatz“, worin sich der „immanente Gegensatz von Gebrauchswert und Wert“ darstellt, gilt es zu verstehen. Eine bestimmte Ware ist reell ein bestimmter Gebrauchswert, ihr gesellschaftlich bestimmter Wert erscheint im Austauschprozess „ideell im Preis“ und das der Ware gegenüberstehende Gold als seine „reelle Wertgestalt“. „Diese gegensätzlichen Formen der Waren sind die wirklichen Bewegungsformen ihres Austauschprozesses.“(119) Die berühmte Formel des Austauschprozesses lautet: Ware – Geld – Ware oder W-G-W, Verwandlung von Ware in Geld und dann wieder Rückverwandlung des Geldes in eine andere Ware. Wiederum ein Merksatz:
„Die Teilung der Arbeit verwandelt das Arbeitsprodukt in Ware und macht dadurch seine Verwandlung in Geld notwendig.“(122) Ob diese Verwandlung allerdings im konkreten Fall gelingt, sei dahingestellt und die Warenzirkulation beinhaltet so manche Krisenursache. „Nichts,“ polemisiert Marx gegen den Liberalen Say, „kann alberner sein als das Dogma, die Warenzirkulation bedinge ein notwendiges Gleichgewicht der Verkäufe und Käufe, weil jeder Verkauf Kauf und umgekehrt.“ Denn: „Die Zirkulation sprengt die zeitlichen, örtlichen und individuellen Schranken des Produktenaustausches eben dadurch, dass sie die hier vorhandne unmittelbare Identität zwischen den Austausch des eignen und dem Eintausch des fremden Arbeitsprodukts in den Gegensatz von Verkauf und Kauf spaltet.“(127) „Als Vermittler der Warenzirkulation“ (von Kauf und Verkauf) „erhält das Geld die Funktion des Zirkulationsmittels.“(128)
Es „funktioniert als Kaufmittel, indem es den Preis der Ware realisiert.“(129) Durch diese Realisation fällt die Ware aus der Zirkulation heraus und das Geld/Gold nimmt seinen Platz ein. „Obgleich daher die Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint (wiederum lernen wir eine Verkehrung kennen!) die Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung.“(130) „Das Geld … als Zirkulationsmittel haust beständig in der Zirkulationssphäre“(131).
Marx geht nun der Frage nach, wie viel Geld als Zirkulationsmittel benötigt wird, um die Käufe/Verkäufe einer Zeitperiode zu realisieren, da ein bestimmtes Geldquantum ja mehr als einen Kauf-/Verkaufakt ermöglichen kann. Dies hängt ab von der Preissumme aller Waren auf dem Markt/in der Zirkulationssphäre einer Zeitperiode und von der „Geschwindigkeit des Geldumlaufs“(134), d.h. wie viele Händewechsel des Geldes zwischen Käufer und Verkäufer vorliegen. Und wieder wendet sich Marx gegen einen verbreiteten Irrglauben: „Die Illusion, dass umgekehrt die Warenpreise durch die Masse der Zirkulationsmittel … bestimmt werden“(137).
Aus seiner Funktion als Zirkulationsmittel entspringt die „Münzgestalt“ des Geldes. „Wie die Feststellung des Maßstabs der Preise, fällt das Geschäft der Münzung dem Staat anheim.“(138) Ein bestimmtes Geldstück erhält ein bestimmtes Metallgewicht zugeordnet, welches sich aber durch den Gebrauch abnutzt und Gewicht/Wert verliert. Marx kommt zum Ergebnis dieses Vorgangs: „Das Münzdasein des Goldes scheidet sich völlig von seiner Wertsubstanz. Relativ wertlose Dinge, Papierzettel, können an seiner Statt als Münze funktionieren.“(140) Das „Staatspapiergeld mit Zwangskurs“(141), uns heute so selbstverständlich, betritt das Licht der Welt bzw. der Zirkulation. Die für den Geldumlauf benötigte Menge an Gold kann „durch Papiersymbole ersetzt werden.“(142)

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Warum ist das Saysche Dogma vom natürlichen und zwangsläufigen Gleichgewicht von Kauf und Verkauf der Waren zu verwerfen?
2) Unter welchen Bedingungen kann die Geldware durch ein symbolisches Wertzeichen ersetzt werden?

* alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

Lektion 03c: Das Geld als „hartes“ Geld
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 143 – 160

Sobald nun der Verkauf einer Ware nicht zum sofortigen Kauf einer anderen Ware führt, wird „aus bloßer Vermittlung des Stoffwechsels (der arbeitsteiligen Produktion und Realisation)… dieser Formwechsel (von Ware in Geld) zum Selbstzweck.“ „Ware wird verkauft, nicht um Ware zu kaufen, sondern um Warenform durch Geldform zu ersetzen. … Das Geld versteinert damit zum Schatz, und der Warenverkäufer wird Schatzbildner.“ „Gold und Silber werden so von selbst zu gesellschaftlichen Ausdrücken des Überflusses oder des Reichtums.“*(144) Und diese Vorstellung ist bis heute herrschend. (Vgl. auch die ursprüngliche Definition von Reichtum in Lektion 1a)
Marx kommt zum Ergebnis: „Mit der Möglichkeit, die Ware als Tauschwert oder den Tauschwert als Ware festzuhalten, erwacht die Goldgier. Mit der Ausdehnung der Warenzirkulation wächst die Macht des Geldes, der stets schlagfertigen, absolut gesellschaftlichen Form des Reichtums.“(145) Und: „Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privatmacht der Privatperson.“ Oder modern ausgedrückt: Geld regiert die Welt.Fallen, wie gesagt, Kauf und Verkauf zeitlich auseinander, wird „der Verkäufer … Gläubiger, der Käufer Schuldner.“ „Das Geld „wird Zahlungsmittel.“(149) Marx kommt zum Ergebnis:
„Die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel schließt einen unvermittelten Widerspruch ein. Soweit sich die Zahlungen ausgleichen, funktioniert es nur ideell als Rechengeld oder Maß der Werte. Soweit wirkliche Zahlung zu verrichten, tritt es nicht als Zirkulationsmittel auf, als nur verschwindende und vermittelnde Form des Stoffwechsels, sondern als die individuelle Inkarnation der gesellschaftlichen Arbeit, selbständiges Dasein des Tauschwerts, absolute Ware.“(151f) Und dieser Widerspruch „eskaliert“ in den „Produktions- und Handelskrisen“ zur „Geldkrise“(152). Als Zahlungsmittel wird das Geld zum Kredit (davon im Dritten Band des Kapitals mehr!)Nun werden Waren im Kapitalismus nicht nur lokal gehandelt. „Im Welthandel entfalten die Waren ihren Wert universell. Ihre selbständige Wertgestalt tritt ihnen daher hier auch gegenüber als Weltgeld.“ Und Marx formuliert den Kernsatz: „Erst auf dem Weltmarkt funktioniert das Geld in vollem Umfang als die Ware, deren Naturalform zugleich unmittelbar gesellschaftliche Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit in abstracto ist. Seine Daseinsweise wird seinem Begriff adäquat.“(156) Vergleiche nur den Mythos vom US-Dollar! Als Weltgeld ist es Zahlungsmittel in allen national abgesonderten Wirtschaftsräumen und gleicht die Differenzen der Warenhandlungsbilanz aus. Zugleich kündet der Schatz an – modern gesprochen – Devisen von der Stärke der nationalen Staaten.

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:
1) Unter welchen Bedingungen wird die Verwandlung von Ware zu Geld zum Selbstzweck?
2) Wodurch wird ein Warenverkäufer zum Gläubiger?
3) Wodurch wird ein Warenkäufer zum Schuldner?
4) Warum war der Goldstandard solange verbindlich für das Weltgeld?

* alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23

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