Weltmacht Germania

Ein Essay

Was beim ersten Mal katastrophal endete, beim zweiten Mal in den Untergang führte, wird, aller guten Dinge sind deren drei, nun endgültig gelingen: Die Zeichen stehen gut!“

Deutschland war ein zu Spätgekommener in der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und der nationalstaatlichen Formierung. Erst ab 1871, nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich, stieg Deutschland unter Bismarck und dem Kaiser zu einer ökonomischen und politischen Großmacht auf und forderte spezifisch aggressiv ihm angeblich zustehende Rechte, wie die Teilhabe am Kolonialbesitz, ein. Ein Ausdruck dieser Aggressivität war die Vorherrschaft des preußischen Militarismus und der Wahn einer natürlichen Überlegenheit des Germanentums gegen „welsche Weichheit“ und „jüdische Falschheit“

Durch den (Ersten) Weltkrieg sollten territoriale wie machtpolitische Zuwächse erfolgen und Deutschland zur Weltmacht aufsteigen, doch es kam anders. Der Versailler Vertrag sprach dem Reich die Kriegsschuld zu, es musste nennenswerte Staatsgebiete im Westen wie im Osten abtreten, fast total abrüsten und immense Reparationen über Jahrzehnte leisten. Als Ergebnis des ersten Griffs zur Weltmacht war Deutschland auf den Stand einer politisch ohnmächtigen, drittklassigen Kraft zurück geworfen,. Die Eliten in Deutschland sahen sich doppelt unterworfen: Einerseits durch die Siegermächte, andererseits durch eine parlamentarische Demokratie, welche die „Novemberverbrecher“ aus dem „marxistischen“ Lager zum Schaden Deutschlands einführten.

Der aufkommende Nationalsozialismus versprach beides: Den Versailler Vertrag und damit die Vorherrschaft der westlichen Alliierten zu brechen und mit der Demokratie den „Marxismus“ zu beseitigen. Da die Westmächte die Feindschaft Hitlers gegen den „Kommunismus“ teilten, tolerierten sie seinen Aufstieg und die Rückkehr Deutschlands auf der Weltbühne. 1938 war Deutschland reparationsfrei, wieder aufgerüstet und begann, sich mit der Einverleibung Österreichs territorial zu vergrößern. Selbst die folgende Annexion der Tschechischen Republik wurde akzeptiert.

Mit dem Einmarsch in Polen überschritt Deutschland eine auch imaginäre Grenze und es formierte sich, langsam zwar und erst nachdem Deutschland fast ganz Europa erobert hatte und vor Moskau stand, abschließend mit dem Kriegseintritt der USA Ende 1941 eine große Anti-Hitler-Koalition an sich verfeindeter Lager. Der nun Zweite Weltkrieg genannte Krieg war nicht nur der mörderischste aller Zeiten an den Fronten. Durch die beispiellose industriell betriebene Vernichtungspolitik der Nazis im Hinterland gegen wehrlose „Untermenschen“ stellte sich Deutschland selbst außerhalb der zivilisierten Welt und einigendes und einziges Kriegsziel der Alliierten war die Vernichtung dieses Deutschlands. 1945 wurde ganz Deutschland besetzt und politisch-juristisch beseitigt. In den Kriegsverbrecherprozessen von Nürnberg wurden seine Eliten abgeurteilt. Der zweite Anlauf zur Weltmacht hatte zur Auflösung des Deutschen Reiches geführt!

Die Anti-Hitler-Koalition hatte nach Erreichen ihres Kriegszieles keinen Bestand, zu groß war die wechselseitige Feindschaft zwischen den Vormächten der neuen weltpolitischen Lager USA und Sowjetunion. Deutschland wurde aufgeteilt und nahm seinen jeweiligen Platz im System ein, untergeordnet der jeweiligen politischen, ökonomischen und kulturellen Vormacht. Von Deutschland sollte und durfte nie wieder ein Krieg ausgehen. Die Integration in einerseits die „westliche“ Demokratie beziehungsweise den östlichen „Kommunismus“ sollte hierfür Gewähr bieten. 40 Jahre lang funktionierte so der um die Teilung Deutschlands aufgebaute Systemgegensatz.

1989/91 brach dieses Konstrukt unter dem Ansturm der „Einheitsbewegung“ der Deutschen und der Völker der „Satellitenstaaten“ der Sowjetunuion zusammen, das „kommunistische“ System kollabierte und übrig blieb die westliche „Wertegemeinschaft“, der sich nun alle mehr oder minder freiwillig anschlossen. Das „größer gewordene“ Deutschland, weiter eingebunden in die Nato und die EU, betrat nun wieder selbstbewusst die Weltbühne und bereits 1992 formulierte der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl offen den Anspruch einer Großmachtrolle für Deutschland, die sein Nachfolger Gerhard Schröder nicht müde wurde, einzufordern. Heute sehen sich die Eliten bereits als Weltmacht und streben „mehr Verantwortung tragend“ deshalb einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat an. Der „Exportweltmeister“ will auch politisch seine „natürliche“ Vormachtstellung in Europa und in der Welt anerkannt sehen und im neuen Kalten Krieg vermittelnd führen!

Diesmal stehen die Chancen für den dritten Anlauf zur führenden Weltmacht nicht schlecht. In der EU und im Euro-Raum hat die Kanzlerin mit Frankreich die Hegemonie und sieht sich in der G7 auf Augenhöhe mit den USA. Die deutschen Eliten verarbeiteten einst rational die Erfahrungen aus den von Deutschland geführten Weltkriegen und passten sich als „Musterschüler“ in die westliche Gemeinschaft der Demokraten ein. Nicht mehr in feindlicher Konkurrenz zu seinen Nachbarn, sondern in Freundschaft und im Nato-Bündnis wird der Weg zur Vormacht beschritten. Seit der „Wiedervereinigung“ akzentuiert sich die deutsche Politik aber, dies sei nocheinmal betont, neu: Es geht nicht mehr um die „Juniorpartnerschaft“ mit den USA , sondern um die Bildung eines europäischen Blocks in Konkurrenz mit der verbliebenen Supermacht im „Empire“. Ziel deutscher Politik ist es nun aber nicht, dies gilt es im Unterschied zu den ersten Anläufen zur Gewinnung der Weltmacht zu betonen, per Eroberung, Verknechtung und Raub das eigene nationale Kapital zu stärken, sondern angepasst der gegenwärtigen und auf absehbare Zeit weiter wirkenden Vorherrschaft eines internationalisierten, die Grenzen der Nationalstaaten sprengenden Finanzkapitals vorsichtig zu agieren. Der Weg führt diesmal über die ökonomische, politische und militärische Stärkung der EU, in deren Rahmen ein um Deutschland zentriertes „Kerneuropa“ die Vorherrschaft ausübt.

Ist somit Deutschlands Aufstieg als Weltmacht unvermeidlich?

Seit der Angliederung der DDR ist die Bundesrepublik auf einem geduldigen und beharrlichen Weg sich Weltgeltung zu verschaffen. Die vielfältigen passiven Auslanfseinsätze der BuWe sind hier Mittel zum Zweck. Dennoch: Deutschland ist, dies meine Überzeugung, bereits wieder eine Großmacht und wird auf Sicht von einer Generation „endlich“ im dritten Anlauf zur Weltmacht aufsteigen.
Ob dann wieder am deutschen Wesen die Welt genesen soll, hängt entscheidend davon ab, wie innerhalb der EU demokratische und zivilgesellschaftliche Kräfte zum Tragen kommen und eine mögliche erneute Aggressivität Deutschlands bremsen bzw. verunmöglichen. Es wird letztendlich auf den Einfluss und das Wirken der demokratischen und linken Kräfte im EU-Europa ankommen, ob die „imperialistische“ Gewaltpolitik der Vergangenheit angehört – Groß- und Weltmächte so agieren können wie im 20. Jahrhundert – oder ob im 21. Jahrhundert angesichts der allseitigen Bedrohung der Zivilisation durch finstere Mächte aus der dunklen Vergangenheit die richtigen Schlüsse gezogen werden!

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