Das Jahr der Revolutionen

Teil I: Sturz des Zaren in der Februarrevolution von 1917

Vorgeschichte

rotarmistRussland, am Rande Europas, doch engt verwoben mit der europäischen Entwicklung, war Mitte des 19. Jahrhunderts schreiend rückständig, wenngleich auch der Adel die französische Sprache pflegte und seinen Blick nach Westen richtete..Ein Wesenszug des 19. Jahrhunderts war die beständige Expansion „Mütterchen“ Russlands nach Süden (Kaukasus) gegen das Osmanische Reich, Richtung Westen ( Polen, Moldawien) und nach Mittelasien. Die Rückständigkeit des seine Grenzen noch nicht kennenden Reiches nahm so weiter zu. Die Zäsur war der Krimkrieg von 1853 bis 1856. Eine Allianz aus Großbritannien, Frankreich, dem Osmanischen Reich und Österreich kämpfte gegen die seit 1815 bestehende Vorherrschaft Russlands in Europa nicht nur auf der Krim selbst, sondern auch auf dem Balkan (Serbien), in der Ostsee, im Weißen Meer, im Pazifik und im Schwarzen Meer. See- und Landstreitkräfte Russlands erwiesen sich als hoffnungslos veraltet.

Die Rückständigkeit Russlands zwang Alexander II. (1855–1881) zu weitreichenden Reformen. Über ein Jahrhundert später als in Westeuropa wurde die Leibeigenschaft, die 80 Prozent der Bevölkerung im Mittelalter verharren ließ, 1861 aufgehoben und in einigen wenigen Zentren, voran Sankt Petersburg, wurde als von Au0en abhängige Entwicklung mit einer nachholenden Industrialisierung begonnen, deren Prunkstück die Erschließung des Landes durch ein riesiges Eisenbahnnetz war.

Dank der fortbestehenden Privilegien des Adels war das Ergebnis der Bauernbefreiung eher eine Verschärfung der Lage der analphabetischen Bauern, denn ihnen wurde eine Entschädigung der Herren abgepresst. Ergebnis sind immer wiederkehrenden Hungersnöte und die Entwicklung einer neuen revolutionären Opposition, der auch die Anwendung von Gewalt nicht fremd war. Michail Bakunin ist nicht umsonst ein Vordenker der internationalen Anarchismus. Aus den einflußreichen Narodnke („Volkstümler“), die das Los der Bauern verbessern wollten, entstand 1901/2 die Partei der aus Intellektuellen zusammen gesetzte Partei der Sozialrevolutionäre, zu deren Kampfmittel, da sie unter den Bauern schwach blieben, auch der individuelle Terror gehörte. Zeitgleich und damit viel später als in Westeuropa gründete sich die marxistisch orientierte sozialdemokratische SDAPR , die sich 1903 in einen von W.I. Lenin geführten radikalem Flügel, die Bolschewiki, und in die Menschewiki spaltete. Die Mehrheit wollte angesichts der Illegalität und der Herrschaft der zaristischen Geheimpolizei, der Ochrana, eine Kaderpartei von Berufrevolutionären schaffen, deren Subjekt das entstehende Industrieproletariat war.

Vorspiel: Die gescheiterte Revolution von 1905

Auf ihrem Expansionskurs Richtung Ostasien, begünstigt durch die 1901 fertuggestellte Transsibirische Eisenbahn, kam es im Streit mit dem ebenfalls expansionistischen Japan 1905/7 zum Krieg um die Mandschurei und zum Debakel für das zristische Russland..Die Kriegsvorbereitungen führten ab 1904 zur Hungerkrise und zu Streiks des unter Gewerkschaftsverbot, brutaler Verfolgung und 12h Arbeitstag leidenden Industrieproletariats. Als dieses dem seit 1894 autokratischen Zar Nikolaus II: eine Petition im Verlauf einer großen friedlichen, von einem Popen angeführten Demonstration in Sankt Petersburg übergeben wollten, kam es Anfang 1905 zum sog. Blutsonntag, Die Kosaken-Garde-Truppe feuerte wahllose in die Menge. Das Massaker führte zu einer Solidarisierung zahlreicher Arbeiter und zu einer Radikalisierung und Mobilisierung der Bevölkerung, auch zu Aufständen auf dem Land. Erste freie Räte (Sowjets) bildeten sich. Die Antwort des Zaren war die Einrichtung enes Parlaments, der Duma. Im Ergebnis stellte das Militär die alte Ordnung wieder her. Die Reformhoffnungen des Volkes blieben unerfüllt und die Führer der Arbeiterbewegung gingen ins Exil oder in die Verbannung nach Sibirien.

Der Sturz des Zaren im Verlauf der Februarrevolution

Zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und nach schweren Niederlagen an den Fronten stand Russland vor dem wirtschaftlichen und militärischen Zusammenbruch..Die Menschen revoltierten aus Hunger. Im Stellungskrieg erschöpfte sich bis Anfang 1917 die Moral der russischen Soldaten, die nicht sinnlos geopfert werden wollten, und die Front brach zusammen..Soldatenräte bildeten sich und die Auflösungserscheinungen waren signifikant. In den riesigen schwerindustriellen Putilow-Werken in Sankt Petersburg begannen an der Heimatfront Mitte Februar 30.000 Mann zu streiken. Lawinenartig dehnten sich die Proteste auf andere Fabriken aus. Die Frauen der Arbeiter und Soldatenn forderten zweierlei: Brot und sofortige Beendigung des Krieges. Am 23. Februar begann die eigentliche Revolution. In den Betrieben fanden Wahlen zu Arbeiterräten statt, und knüpften damit an die Selbstorganisation von 1905 an. Arbeiter- und Soldatenräte entstehen im ganzen Land, „die den Petrograder Sowjet als ihre Regierung anerkannten.“ (wikipedia/februarrevolution) Selbst die Kosaken begannen sich zu weigern, auf die Aufständischen zu schießen. Die Duma folgte dem Beispiel der frz. Nationalversammlung von 1789 und usurpierte die Regierungsgewalt. Am 28. brach der Aufstand in der zweiten Metropole Moskau aus. Auf dem flachen Land brannten die Gutshäuser – Anfan März wurde die Abdankung formal vollzogen und die Zarenfamilie nach dem sibirischen Jekaterinburg verbannt. Die sog. Doppelherrschaft von Duma und Sowjets entschied die Provisorische, liberale Regierung für sich und der Krieg und der Hunger sollten weitergehen. Und die Revolutionäre?

Die Sozialrevolutionäre Partei konstituierte sich im Februar und besaß bald Organisationen in 63 Gouvernements und bei der Armee. Zusammen mit den Menscheviki von der SDAPR beherrschten sie nicht nur bis August die Sowjets, sondern waren mit ihrem Mitglied Alexander Kerenski in der Regierung des Fürsten Lwow vertreten und somit Befürworter der Fortsetzung des Krieges. Im Juli, als die Forderung nach der Machtübernahme durch die Sowjets laut wurde, übernahm Kerenski den Posten des Ministerpräsidenten und die Linken bei den Sozialrevolutionären begannen, Lenins und Trotzkis (dessen Gruppierung sich den Bolschewiki anschloss) Bolschewiki zu unterstützen. Lenins und Trotzkis Rückkehr aus dem Schweizer Exil, von Deutschland organisiert, was ihnen den Vorwurf des Landesverrats einbrachte, führte zu einer enormen Stärkung der SDAPR(B). Ihre Mitglederzahl erhöhte sich innerhalb kürzester Zeit von 5.000 auf 240.000 und ihr Einfluß auf die Sowjets nahm vor dem Hintergrund des allg. Chaos stetig zu.Alle Parteien rüsteten sich zur Entscheidungsschlacht.

Fortsetzung:Teil II. Die „Gro0e Sozialistische Oktoberrevolution“ von 1917

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