Über Weg und Ziel

Revisionismus, Reformismus und Opportunismus in der Arbeiterbewegung

1510gross_hochSo lange es die Arbeiterbewegung gibt, also seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, stellt sich für sie die Frage nach Strategie und Taktik, um einerseits die Lebenssituation der „Ausgebeuteten“ zu verbessern und andererseits eine neue, bessere Gesellschaftsordnung zu erkämpfen. Welche Wege im Kampf sind einzuschlagen und wie kommt man zum Ziel einer Gesellschaft, die dem Kapitalismus nachfolgt? Der Marxismus, die geschichtsmächtige Theorie aus dieser Zeit, entwarf ein umfassendes Konzept über die Historie der menschlichen Gesellschaft und verkündete, dass mit der bürgerlichen Ordnung und der kapitalistischen Produktionsweise ein Stadium der Menschheitsgeschichte erreicht wird, welche einen radikalen Ausstieg aus Ausbeutung und Unterdrückung der Mehrheit der Menschen, des Proletariats, ermöglicht und in eine lichte Zukunft weist. Verdinglichung und Entfremdung, notwendige Folgen der kapitalistischen Produktionsweise, gälte es zu überwinden und eine Gesellschaft ohne blinde Warenproduktion und allmächtigen Staat zu errichten. Der Weg dahin führt zwangsläufig, da die „Gewalt der Geburtshelfer“ jeder neuen Gesellschaft sei, über eine umfassende soziale Revolution der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Doch die von Marx und Engels noch für das 19. Jahrhundert erwartete Revolution in Westeuropa, der Weltgegend mit dem am weitesten fortgeschrittenen Kapitalismus, blieb bekanntlich aus und die erstarkende Arbeiterbewegung stand vor einer neuen Situation und Fragen nach ihrer Strategie und Taktik.

Revisionismus

Die Marxsche Revolutionserwartung wurde zum Ausgang des 19. Jahrhunderts und zum Beginn des 20. Jahrhunderts von zwei gegensätzlichen Positionen einer kritischen Neuausrichtung unterzogen. Angesichts der immer mehr erstarkenden Arbeiterbewegung wurden Forderungen laut, sich darauf zu konzentrieren, bereits hier und jetzt im bürgerlichen System die Lage des Proletariats zu verbessern und die politische Gleichstellung des Proletariats mit dem Bürgertum zu erkämpfen. Es sollte nicht auf eine unbestimmte Revolution gewartet werden, denn, so der Sozialdemokrat Eduard Bernstein, der „Weg“ der Reformen „sei alles, das Ziel“, der Kommunismus, „aber nichts“, da in weiter Ferne.

Die mit Wladimir I. Lenin verbundene Position, geprägt durch die im rückständigen Russland herrschenden despotischen Verhältnisse, hielt hingegen an der Unmittelbarkeit der sozialen Revolution fest, machte diese aber nicht mehr vom hohen Entwicklungsstand der kapitalistischen Produktionsweise abhängig, sondern von der Schwäche des Gegners. Das „schwächste Kettenglied“ im sich formierenden Imperialismus der Monopolherrschaft, welcher die freie Konkurrenz des Bürgertums durch schiere Gewalt ersetzt, sei nun notwendigerweise Ort der Revolution, gerade im Trikont der zigfach unterdrückten Völker.

Reformismus

Spätestens nach den gescheiterten Erhebungen in Mitteleuropa zum Ausgang des Ersten Weltkrieges setzte sich in der Sozialdemokratie die Vorstellung eines ultimativen Reformismus durch, der bei Ablehnung des gewaltsamen revolutionären Bruchs mit der bürgerlichen Ordnung eben im Rahmen derselben die Lage der arbeitenden Massen kontinuierlich verbessern wollte und glaubte, dies auch zu können. Mit der Entstehung des „Wohlfahrtsstaates“ nach den Katastrophen von Weltwirtschaftskrise und Zweiten Weltkrieg schien dieser Weg alleinig stimmig und geschichtsmächtig zu sein.

Für die Minderheit der sich nun als „Marxisten-Leninisten“ verstehenden Kommunisten, mehr der Tradition Lenins und Stalins als der von Marx und Engels verpflichtet, war der Gedanke der Revolution weiter verbindlich, nur nahm dieser eher die Gestalt der „nationalen“ Befreiungsrevolution an der ausgebeuteten Peripherie des Imperialismus an und für Mao Zedong sollte das „Weltdorf“ über die bürgerliche „Zivilisation“ der Hauptländer des Kapitalismus/Imperialismus siegen. Wer die revolutionäre Perspektive verneint, sei gefangen im

Opportunismus

Nicht aus Einsicht und Erkenntnis, so der Verdacht der strammen orthodoxen Revolutionäre, werde der Weg der Reformen bestritten, sondern aus Feigheit und Verrat erfolge vom Reformismus die Bejahung des bürgerlichen Systems opportunistisch aus eigenem Interesse. Opportunistisch werde von den sozialdemokratischen „Arbeiterführern“, den eigenen Vorteil im Blick, die soziale Revolution bekämpft und von einer großen Schicht der „Arbeiteraristokratie“ (Karl Marx) der Übergang zu imperialistischen Positionen vollzogen.

Fazit der Geschichte

Mit der weltweiten Durchsetzung des Kapitalismus nach dem Scheitern der sogenannten sozialistischen Staaten in Europa und der bis zur Unkenntlichkeit erfolgten Schwächung der Arbeiterbewegung in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern wie dem Niedergang von Befreiungsbewegungen an der Peripherie (wichtige Ausnahme: Einige Länder in Südamerika) stellte sich die Frage nach der sozialen Revolution temporär nicht mehr. Selbst die Möglichkeit von Reformen in der „globalisierten Welt“ des ungezügelten Kapialismus steckt tief in der Krise. Ein Teil der Sozialdemokratie hat sich weltweit von einer Reformpolitik zugunsten der „kleinen Leute“ abgewandt und sieht sich nicht mehr als Teil der Arbeiterbewegung. Nur mehr in sektenhafter, irrelevanter Form lebt der „Marxismus-Leninismus“ in den entwickelten kapitalistischen Ländern weiter. Revisionismus, Reformismus und Opportunismus sind Ausdruck eines Denkens, dessen Basis, die revolutionäre Arbeiterbewegung, abhanden gekommen ist.

Heute gilt es, einerseits die Errungenschaften der „Zivilisation“ anzuerkennen und deren Möglichkeiten auszunutzen. Andererseits wachsen neue Bedingungen in Ost wie West, Nord und Süd zur Erreichung des ahistorischen Ziels der Abschaffung der proftorientierten Warenproduktion und eines gewalttätigen Staates. Dies ist ncht Asduck eines „Wollens“, sonderm eines „Müssens“ angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.*)

*) Stichwörter hierzu „Krieg“ und indRevolution 4.0; siehe diverse Artikel hierzu auf

2010, bearbeitet Januar 2017

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