Aufstieg und Fall des „Empire“

Die Rückkehr zum alten Imperialismus im 21. Jahrhundert

0083Die Herausbildung des namensgebenden englischen Weltreiches, des „Empire“, vollzog sich in einem Jahrhunderte währenden Prozess zuerst in Konkurrenz zu Spanien, Portugal und dann zu den Niederlande, Frankreich und Deutschland. Der Niedergang ging dafür um so schneller. Der Aufstieg der USA und der Zerfall des Kolonialreiches umfasste nur Jahrzehnte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wenngleich der imperiale Anspruch GB ungebrochen ist.

Seit mehr als fünfhundert Jahren ist eine gewalttätige, erstmals die ganze Welt umfassende Maschine angeworfen, die in einem unaufhaltsamen Prozess immer mehr Länder und Sektoren der ökonomischen Tätigkeit in den Strudel von Weltmarkt, Konkurrenz, Profitstreben und Produktivitätsfortschritt reißt, diskontinuierlich und nichtlinear in Raum und Zeit das vorantreibt, was für Marx und Engels die kapitalistische Produktionsweise und die kapitalistische Gesellschaftsformation umschließt. Und dieser Prozess erfährt auf jeder neuen Stufenleiter der Entwicklung der Produktivkräfte neue Impulse und je mehr von der Gesamtreproduktionssphäre der Gesellschaft in diesem Prozess verschlungen wird, desto mehr kommt uns zu Bewusstsein, dass noch unendlich vieles zu erschließen ist. Und es ist immer der Staat, der dem Wirken des Wertgesetzes und der Profitlogik Raum gibt, Grenzen und deren Willkür Schranken setzt oder diese niederreißt.

Mit dem Begriff der “Zivilisation” wurde von Karl Marx und Rosa Luxemburg positiv die historische Leistung des Bürgertums gewürdigt: Karl Marx und Friedrich Engels bewunderten überschwänglich den erreichten Fortschrittsgrad durch die bürgerliche Welt im “Kommunistischen Manifest” von 1848 und Rosa Luxemburg sah zu Beginn des 20.Jahrhunderts die Rettung der bedrohten bürgerlichen Zivilisation des „Empire“ im zu erkämpfenden Sozialismus. Für Wladimir I. Lenin war hingegen der Fortschrittsimpuls des kapitalistischen „Empire“ mit dem Aufkommen des “Imperialismus” unweigerlich und endgültig untergegangen. 100 Jahre später – wo Fortschritt und Zivilisation als “Moderne” längst von der “Postmoderne” abgelöst sind – stellt sich die grundsätzliche Frage neu: Wie bewerte ich den Charakter der Epoche im “Zeitalter der Globalisierung“? Ist mit der Durchsetzung des „Imperialismus“ der „Empire“-Begriff tatsächlich abgelöst geworden?

leninUm zu einer Bewertung des Charakters der Epoche zu Beginn des 21. Jahrhunderts zukommen, ist zwingend die Analyse der tatsächlichen gegenwärtigen Prozesse als Ausgangspunkt für weiterführende Überlegungen. Die geschichtsmächtige Leninsche Imperialismustheorie, niedergeschrieben während des „Weltuntergangs“ des Ersten Weltkriegs, versuchte aus der Beschreibung der ökonomischen und daraus abgeleiteten politischen Bestimmungen, fussend auf der Denkschule des Engländers Hobson, die Herausbildung einer neuen Zeit des unmittelbaren Übergangs zum Sozialismus nachzuweisen. Die Krise des englischen „Empire“ wird zur finalen Krise des Kapitalismus in seiner imperialistischen neuen Form. Der Aufstieg der USA, die Dominanz des monopolistisch im Gegensatz zur „freien Konkurrenz“ strukturierten Finanzkapitals zeigt nur mehr widerwärtige „parasitäre“ Züge und die „Zivilisation“ ist versunken in der Barbarei, aus der nur mehr die unmittelbare sozialistische Revolution die Menschheit retten kann. Und die Oktoberrevolution in Russland, gegen die Mehrheitssozialdemokratie erkämpft, gab nun auch praktisch Lenin Recht.

Als nun die Weltrevolution ausblieb, kanonisierten Lenins Nachfolger seine Imperialismustheorie zur neuen Religion des revolutionären Marxismus, dem Marxismus-Leninismus Stalinscher Prägung, und das 20. Jahrhundert wurde zur imperialistischen Epoche. Als die Weltmarktnachzügler Deutschland, Japan und Italien sich anschickten, die Dominanz der alten Mächte GB, F in Frage zu stellen und in Konkurrenz zur UdSSR und der USA die Welt neu „aufzuteilen“ trachteten, der Faschismus nun endgültig Lenins Voraussagungen erfüllend, taumelte die Welt in Weltkrieg II. Mit den bekannten Hauptsiegermächten USA, UdSSR und der VR China, welche auf die Welt als Partner der Sowjetunion kam. Die entstandene bipolare Welt endete mit dem Fall der UdSSR 1991 und die Welt erschien angekommen im neuen zweiten „Empire“ (Negri/Hardt) des globalisierten Weltkapitalismus. Lenins Imperialismustheorie wurde zum „toten Hund“ unter den verbliebenen MarxistInnen. Das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) der Klassenkämpfe geisterte durch die gelehrten Köpfe.

Jetzt, einen Wimpernschlag der Geschichte weiter, tobt der Klassenkampf in all seinen Formen wieder ungeniert und die Welt versinkt wieder in der „Barbarei“ von zügelloser Gewalt und in unzähligen (lokalen) Kriegen um Einflusssphären und nationale Interessen. Die Beherrschung der beiden natürlichen unerschöpflichen Ressourcen – die menschliche Arbeit und die agrarischen, mineralischen und energetischen Rohstoffe – lenkt wie zu Lenins Zeiten wieder die Welt. Das Empire der USA wird abgelöst durch eine multipolare Welt, auch wenn diese es nicht wahr haben will und umso aggressiver Rückzugschlachten führt. Ihr high-tech war gebiert neue unbekannte Ungeheuer und mit dem Dschihad tritt in diese multipolare Welt ein für längst besiegt gehaltener alter Feind des „Abendlandes“. In einer wahnsinnig gewordenen Welt glauben nicht nur die überkommenen alten „imperialistischen“ Mächte an diesem durch die Produktivkraftrevolutionen 3.0 und 4.0 bedingten Rattenrennen um die besten Plätze wieder teilnehmen zu müssen, neue „globale Player“ wie Indien oder die VR China sind auf dem „Markt“ und noch das letzte kleine „Naturvolk“ erhebt seine Ansprüche.

Fazit:

Die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts sucht seine Entwicklungstrends jeseits des möglichen Untergangs. Die Aussage über die Zukunft setzt die Erkenntnismöglichkeit der Vergangenheit und der Gegenwart voraus. Nach Karl Marx ist der Mensch in der Lage, nicht nur die Gesetzmäßigkeiten der äußeren Natur zu entdecken und für sich nutzbar zu machen, dies gilt auch für das Erkennen der Gesellschaft und der in ihr wirkenden Kräfte. Der wichtigste Begriff bei der Analyse von Zukünftigem ist jener der Tendenz, in dem widerstreitende Elemente dialektisch zusammengebunden sind, eine bestimmte Richtung der Entwicklung sich aber logisch und historisch abzeichnet. Um erhellende Aussagen über zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen zu treffen, müssten die Erkenntnisse aller Wissenschaften, der Natur- wie der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, gebündelt werden. Welchen Einfluss hat z.B. die Gentechnologie auf das Reproduktionsverhalten zukünftiger Generationen und welche sozialpolitischen Auswirkungen sind daraus zu erwarten? Hunderte solcher Fragestellungen hätte man nachzugehen, um ein Gesamtbild unserer Anschauungen über die Zukunft zu zeichnen. Wir, mit unseren begrenzten Kapazitäten, unserer Nichtkenntnis der meisten Wissenschaften, können nur allgemeine Aussagen anhand eines allgemeinen Kenntnisstandes treffen. Zentrale Annahme ist der Marxsche Kernsatz, dass die gesellschaftlichen Produktivkräfte die Produktionsweise und damit letztendlich die gesellschaftliche Reproduktion und Lebensweise bestimmen. Es geht nicht um die Verkündung letztendlicher Wahrheiten, sondern um das gemeinsame Nachdenken als Voraussetzung der Praxis.

Lit:

Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, München 1992

Michael Hardt/Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Cambridge 2000; Frankfurt/M 2003

J.A. Hobson, Der Imperialismus, Köln-Berlin West 1968

Wladimir I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW 20, Berlin

Karl Marx, Friedrich Engels, MEW 4, Berlin

 

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